21 Oktober 2013

 

 Das Herz schlug ihr bis zum Hals. In ihrem stockfinsteren Zimmer saß sie auf einem abgenutzten Holzbett und rührte sich nicht von der Stelle. Starr vor Schock hielt Emilia Dearing die Luft an, lauschte den angsterfüllten Hilferufen ihrer Geschwister. Das Geschrei drang bis in ihr Kinderzimmer, obgleich es am Ende des Flures lag. Es hallte durch die Dunkelheit. Ihr Körper bebte vor Angst und  Mitgefühl. Verzweiflung machte sich breit. Sie flehte zu Gott:

 

 „Hilfe! Lass es aufhören!“      

 

Sie wusste, was die Rufe der Geschwister bedeuteten. Sie wusste, was im Anschluss passieren würde. Es war Montag, der Beginn einer grausamen Woche. Fünf furchtbar lange Tage müssen sie die Brutalität ihrer Eltern ertragen. Am Wochenende war ihr Vater nicht daheim. Von Samstag bis Montag verbrachte er seine Zeit in Kneipen, um sich sinnlos zu betrinken. In diesen Tagen hatten sich Emilia und ihre Geschwister in ihren Zimmern aufgehalten. Doch ihre Mutter zeigte sich dort nicht. Sie hatte mit ihren zahlreichen Flaschen Bier im Wohnzimmer gesessen und den Zorn auf ihren Mann in Alkohol ertrunken. Sie hasste seine Sauftouren, reagierte aggressiv vor Eifersucht und hatte ihm Untreue vorgeworfen. Emilia hatte in dieser Zeit ihre beiden Geschwister versorgen müssen. Das Essen hatte sie aus der Küche geklaut. Das Obergeschoss- in dem sich das Wohnzimmer befand- zu betreten, war strengstens verboten. Doch wenn der Vater nicht daheim war, interessierte ihre Mutter nicht, was um sie herum geschah. Viel gab es nicht zu essen. Oftmals hatte es schimmeliges Brot mit Butter gegeben. Warme Mahlzeiten waren selten. Ihre Mutter kochte fast nie. Wenn sie Essen für ihren Mann zubereitet hatte, bekamen die Kinder bestenfalls die Reste, die bei Weitem nicht für alle drei ausreichten.

 

 Emilia hatte nur eine Bezeichnung für ihren Vater: Monster! Wenn das Monster unter der Woche daheim war, traute sie sich nicht, in die Küche zu schleichen. Sie mussten warten, bis ihnen die Mutter etwas brachte. Das konnte Tage dauern. Das betrunkene Ungeheuer kam montags nach Hause, wenn die Dämmerung einsetzte. Es polterte schwankend in die Zimmer der Kinder und riss sie aus dem Schlaf. Er erwartete Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass er sich jeden Tag abrackerte, um Geld für die Familie zu verdienen. Er war in einer Reinigungsfirma tätig und säuberte Toiletten. Wenn er von der Arbeit heimgekommen war, hätte man meinen können, dass er IN die Toiletten gestiegen war, um sie zu reinigen. Dreckverschmiert und nach Fäkalien stinkend, war er auch diesmal heimgekommen. Emilia würgte, als sie an den Geruch dachte.

 

 Sie versteckte sich unter der Bettdecke, versuchte die Schreie der Geschwister auszublenden. Es zerriss ihr das Herz. Sie mochte sich nicht vorstellen, welche Qualen sie durchmachten. Sie wusste, sobald er in dem Zimmer der beiden fertig wäre, würde er zu ihr kommen.

 

 „Du kannst ein wenig zärtlich zu deinem Vater sein, Emilia! Du hast nur deswegen ein Dach über dem Kopf, weil ich Tag für Tag zehn Stunden schufte. Während ihr nur herumlungert und deine versoffene Mutter nichts zustande bekommt. Euch geht es zu gut.“

 

 Es ist ein Albtraum, dachte Emilia.

 

 Jeden Tag sperrte man sie in ihren dunklen Zimmern ein. Jeden Tag spürten sie die Härte der Eltern auf ihren geschundenen Körpern. Die Mädchen gingen vormittags zur Schule und entkamen der Hölle für fünf Stunden. In dieser Zeit musste der Jüngste die Folter allein ertragen.

 

Gelähmt vor Panik lag sie mit aufgerissenen Augen im Bett und lauschte in die Nacht. Sie hörte die schmerzerfüllten Schreie der Geschwister. Tränen der Wut schossen ihr in die Augen. Sie schloss die Augen, wünschte, ihnen helfen zu können. Doch ihr fiel nichts ein, was sie tun konnte. Machtlos ertrug sie gleichermaßen die Brutalität des Vaters.

 

 Sie vernahm, dass die Bestie etwas gegen die Wände warf. Es krachte. In der Stille der Nacht hallte es doppelt so laut. Sie hörte das Klirren des Kleiderschrankspiegels, der in Einzelteilen zu Boden fiel.

 

 „Ihr verdammten Gören, ich ertrage euch nicht mehr!“

 

 Emilia strich über ihre Kehle. Sie bekam kaum Luft. Das Zittern brach nicht ab. Warum half niemand? Die Glieder waren starr, Angst stieg in ihr hoch. Angst davor, Geräusche zu machen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Muskeln in den Armen zuckten, als sie ihre Hände an die Ohren presste. Ein verzweifelter Versuch, die Schreie nicht zu hören. Sie kniff die Augen zusammen, versuchte, sich in eine bessere Welt zu zaubern. Sie wünschte die Qualen der beiden ausblenden zu können. Doch sie überhörte nichts. Nicht die Hilfeschreie. Nicht die wütenden Schimpfwörter des Vaters.

 

 „Ihr drei seid die Brut des Teufels. Ich zeige euch, wie man sich mir gegenüber benimmt!“

 

 Emilia war dreizehn. Seit sie denken konnte, erinnerte sie sich an die wiederkehrenden Ausbrüche des Erzeugers. Es begann mit Wutanfällen, bei denen er im harschen Tonfall herumbrüllte. Später folgten körperliche Strafen. Er schlug sie mit jedem Gegenstand, der griffbereit lag. Er achtete nicht darauf, wohin er prügelte. Es interessierte ihn nicht, ob er das Gesicht traf und ob jemand die Wunden hätte sehen können. In der Schule wurde sie zwar auf ihre Verletzungen angesprochen, doch jeder von ihnen hatte sich damit zufrieden gegeben, wenn sie zum wiederholten Male erzählte, wie tollpatschig sie sei. Ihre Eltern lehrten ihr Ausreden. Die Treppe runter gefallen. Mit dem Fahrrad gestürzt. Sie hoffte, dass ein Lehrer die Märchen, die sie auftischte, nicht glaubte und Hilfe schicken würde. Sie wartete bis heute, vergebens.

 

 Als ihre Schwester zur Welt kam, war sie fünf Jahre alt. Sie freute sich über das Geschwisterchen. Wünschte sich immer eines zum Spielen und Umsorgen. Ihr Vater reagierte alles andere als begeistert.

 

 „Wie viele Bälger willst du mir andrehen?“, schimpfte er mit seiner Frau.

 

 Weitere fünf Jahre später kam der Bruder zur Welt. Sie liebte ihn. Doch die Freude hielt sich in Grenzen. Sie wusste, dass er genauso Opfer der Gewalt ihrer Eltern sein wird. Als Babys verschonte der Vater sie noch. Sobald sie die ersten Schritte liefen, fing das Martyrium an. Ihre Mutter bekam alles mit, unternahm aber nichts, damit es aufhörte. Oft lachte sie darüber.

 

 „Du trägst die Schuld daran“, hatte sie gespottet, als Emilia mit aufgeplatzten, blutigen Lippen, unzähligen blauen Flecken und Bisswunden in ihrem Zimmer gehockt hatte und weinte. Vor Schmerz, vor Angst, vor Wut. Ihre Mutter verprügelte die drei, wenn sie wütend auf ihren Ehemann war, um ihren Frust abzulassen. Emilia verstand bis heute nicht, warum die Frau sie für die Qualen verantwortlich machte.

 

 Mit zwölf Jahren belauschte das Mädchen ihre Eltern bei einem Gespräch. Sie standen in der Küche, ihr Vater brüllte ihre Mutter lallend an, dass er mehr Anerkennung verdiene. Sie gab ihm zur Antwort, dass er sie anwidere. Und sie ihn und den ekelerregenden fetten Bauch nicht einmal mit einer Kneifzange anfassen würde.

 

 „Und wenn du der letzte Mann auf Erden wärst, würde ich dich nicht anrühren.“

 

 Ihr Tonfall klang frostig und scharf. Sie grinste und in ihren Augen funkelte das Böse.

 

 „Ich hole mir meine Befriedigung woanders, du alte Hexe.“

 

 Mit ausgestreckter Brust stolzierte er aus der Küche und ließ sie mit aufgerissenem Mund stehen. Emilia versteckte sich hinter der Tür, bis er das Haus verlassen hatte, und schlich zurück in ihr Zimmer. Wenn er sie erwischt hätte, hätte er sie totgeschlagen. Es interessierte sie inzwischen nicht mehr. Angst vor dem Tod quälte sie nicht. Mit ihren dreizehn Jahren hatte sie mit dem Leben abgeschlossen. Es würde der Tag kommen, an dem die Eltern sie totprügeln. Davon war sie überzeugt.

 

 Die Kinderzimmer befanden sich in den Kellerräumen. Sie wirkten klein, sahen eher aus wie ein Verlies. In jedem Raum standen ein Bett und ein Kleiderschrank. Emilia bewohnte das kleinere Zimmer. Im vorderen Teil des Flures lag ein größeres, das sich ihre Geschwister teilten. Als Emilia nach dem belauschten Gespräch herunterkam, wurde ihr von einem modrigen Geruch übel. Sie schaute in das Zimmer ihrer Geschwister und vergewisserte sich, dass es den beiden gut ging. In ihrem Zimmer setzte sie sich auf ihr Bett und grübelte über die Worte des Vaters: „Dann hole ich mir meine Befriedigung woanders.“ In jener Nacht erfuhr sie, was sie bedeuteten.

 Es regnete den ganzen Tag, nachts tobte ein heftiger Sturm. Der Wind peitschte, heulte durch ihr undichtes Fenster. Durch den Luftzug knallte die Tür gegen den Türrahmen. Sie hörte die Äste an den Bäumen knacksen. Sie fürchtete sich und wünschte sich jemanden, der sie in die Arme schloss und ihr das Gefühl gab, sie zu beschützen. In diesem Augenblick öffnete sich die Zimmertür und ihr Vater trat ein. Für einen kurzen Moment wuchs ihre Hoffnung. Sie hoffte, dass er kam, um ihr die Angst zu nehmen. Die Realität sah anders aus. Er zerrte sich die Kleider vom Leib und legte sich zu ihr ins Bett.

 

 „Sei nett zu mir!“

 

 Die Worte drangen nur gedämpft zu ihr durch. Sie zitterte, ihr Mund war trocken. Ihr Herz fühlte sich an, als würde es stehenbleiben. Er begann, sie am Gesäß zu streicheln. Durch den Aufklärungsunterricht in der Schule wusste sie, was er tat. Hastig drehte sie sich auf den Bauch, damit er nicht an ihre Brüste kam. Energisch packte er sie, flüsterte, dass er sich holen würde, was er verdiente. Sie spürte den nach Alkohol stinkenden und heißen Atem in ihrem Nacken. Ihre Haare standen zu Berge. Ekel kroch in ihr hoch. Mit festem Griff wandte er Emilia zurück auf den Rücken. Mit der linken Hand hielt er ihren Hals und drang in sie ein. Die Schmerzen waren unerträglich. Übelkeit übermannte sie. Mit aller Kraft versuchte sie sich aus dem Griff um ihre Kehle zu befreien. Keine Chance. Blanker Hass sprühte aus ihren Augen. Sie hatte das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren, so raubte es ihr die Luft. Mit jeder Minute schnürte sich der Handgriff enger um ihre Kehle, als zöge sich eine Schlinge zu. Nachdem er von ihr abließ, zog er sich an und schlenderte wortlos aus dem Zimmer. Dabei grinste er teuflisch, sodass ihr ein eiskalter Schauer den Rücken hinunterlief. Stundenlang lag sie wie gelähmt auf dem Bett und weinte vor Schmerz, Ekel,  Scham. Zwischen ihren Beinen brannte es. Und zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sie sich den Tod.

 

 Seit diesem Tag passierte es regelmäßig. Nachdem er seine Wut an ihren Geschwistern ausgelassen hatte, kam er zu ihr, um seine Belohnung zu erhalten. Mit der Zeit stumpfte sie ab, ließ es über sich ergehen. Sie tauchte in eine bessere Welt ab. Trotzdem begleitete sie jeden Tag die Angst, weil es wieder passieren würde. Sie betete zu Gott, dass er es ihren Geschwistern nicht auch antat. Den Gedanken ertrug sie nicht.

 

 Hilflos lag sie in ihrem dunklen Zimmer, wartete darauf, dass er zu ihr kommen würde. Sie weinte.