Leseprobe "Missetaten"

„Ich muss ihn wecken. Bitte, mach, dass er aufwacht.“

Alex hielt sie fest, umklammerte sie. Krampfhaft versuchte sie, sich zu wehren, sich zu befreien. Der kleine leblose  Körper auf dem kalten Boden rührte sich nicht.

„Liam, wach auf! Du musst aufwachen. Mama ist hier.“ Um ihr Herz krallte sich eine imaginäre Hand, als quetsche ihr jemand das letzte bisschen Leben heraus. „Alex, bitte, lass mich zu ihm. Er braucht mich. Er mag es nicht, allein zu sein.“

Als der Leichenbestatter der Gerichtsmedizin ein weißes Tuch über den leblosen Körper legte, stockte Natalie der Atem. Die verwesende Leiche ihres Sohnes. Eineinhalb Jahre alt. Ihr geliebter Sohn, ermordet, abgelegt hinter einem Gebüsch nahe dem Spielplatz, auf dem er vor zwei Wochen mit seinem Vater gespielt hatte. Sein Vater, der eine kleine verdammte Minute nicht aufpasste. Diese eine Minute, in der jemand ihren Sohn entführte. Jacob Bennett kam kreidebleich auf Natalie zugelaufen. Ihre Gesichtsfarbe wich einem unnatürlichen Weiß. Man konnte schon fast von Grau sprechen. Der Ehemann setzte sich neben sie, betrachtete den kleinen Hügel, der sich unter dem weißen Tuch abzeichnete.

„Sie haben ihn getötet. Sie haben unseren kleinen Liam einfach ermordet.“ Natalie sprach wie in Trance.  Die rotgeränderten Augen starrten ins Leere. Jacob erwiderte nichts, legte seinen Arm um ihre Schultern.

 

 

Mama, Mama, Mama - wie ein lieblicher Sang klangen die Rufe aus Liams Zimmer. Mama, kommen. Natalie öffnete die Augen. Draußen war es noch dunkel. Sie schaute auf den Wecker. Es war mitten in der Nacht. Nass geschwitzt lauschte sie in die Dunkelheit. Das Haar hing strähnig nach unten. Ihr Herz tobte. Es schlug so kräftig, dass sie es in ihren Ohren hören konnte. Hatte sie gerade Liam rufen hören? Sie schmiss die Bettdecke zur Seite. Schweißgeruch stieg ihr in die Nase. Sie schlüpfte in ihre Hausschlappen und rannte zu Liam ins Zimmer. Atemlos blieb sie vor seinem Bett stehen. Leer. Das Bettzeug war unberührt. Tränen liefen ihr die Wangen hinab, als ihr schmerzlich bewusst wurde, dass sich an der Situation nichts verändert hatte. Liam war seit zwei Jahren tot. Noch immer hörte sie ihn mit sich reden. Noch immer hatte sie die Hoffnung, aus dem bösen Traum zu erwachen.

 

 

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15. Dezember 2016

Lily verhielt sich heute eigenartig. Sie wirkte nervös, wedelte mit dem Schwanz, zog an der Leine. Je näher sie an den See kamen, desto ungehaltener wurde sie. Sie bellte, schnüffelte hektisch am Boden, als verfolge sie eine Spur. Der Mann hatte Mühe, sie zu halten. „Mädchen, was hast du? Hör auf zu ziehen! Ich falle sonst noch hin. Und bis man mich findet, bin ich ein Eisklotz.“ William Archer liebte normalerweise die Spaziergänge mit seiner alten Hundedame. Sie war eine Berner-Sennen-Hündin, eine gutmütige, anhängliche Seele mit einem ausgeglichenen Temperament. Vor zwölf Jahren starb seine Ehefrau. Nachdem er ihren Tod verarbeitet hatte, holte er sich die Hündin aus dem Tierheim. Er lebte nahe dem Mecham Grove Forest. Ein großes Gebiet in Bloomingdale, das bei den Einwohnern und Touristen beliebt war. Um den Maple Lake grenzten Wald und Wiesen. Jeden Tag liefen sie ein Stück an dem See entlang. Morgens, wenn noch keine Menschenseele unterwegs war. An einem verschneiten, frostigen Morgen wie diesem war es dort menschenleer. Seit zehn Jahren begleitete Lily ihn. Sie war gut erzogen und besaß keinen Jagdtrieb. Die Wildtiere in dem Gebiet waren eigentlich sicher vor ihr. Doch Lily ließ sich nicht beruhigen. Sie zog stärker in Richtung Osten, bellte und winselte. Eigentlich wollte William nach Westen über die Fußgängerbrücke laufen. Er vermutete, dass sie dringend ihr Geschäft erledigen musste. Vielleicht bekam ihr das Hühnchen vom Vorabend nicht. Nun suchte sie vermutlich nach einem geeigneten Plätzchen. Lily begann, sich im Kreis zu drehen. Mr. Archer wurde nervös. Irgendetwas stimmte nicht. Um mit dem Hund mithalten zu können, lief er schneller, rutschte auf einer Eisschicht aus und fiel zu Boden. Er ließ die Hundeleine los, damit Lily ihn nicht mitziehen konnte.

Die Hündin hastete los. „Lily! Bleib stehen!“ Sie hörte nicht, war wie im Rausch, rannte fort. Mr. Archer hievte sich hoch und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht sein Gesäß. Wiederholt rief er nach der Hündin, konnte sie aber nirgendwo sehen. Schleppend setzte er sich in Bewegung, um ihr hinterherzulaufen. Anhand ihres Gekläffes wusste er, in welche Richtung sie gerannt war. Mühsam humpelte er Richtung Osten. Diesmal achtete er genau auf den Weg, um nicht noch einmal hinzufallen. Sein Herz fing an zu rasen. Neben den Fußspuren seines Hundes erkannte Mr. Archer einen roten Fleck im Schnee. O Gott! Sie hat ein Tier gerissen! Mittlerweile schwitzte er. Das Stapfen durch den Schnee war anstrengend. Er öffnete den schwarzen Mantel, schüttelte den Kopf. So etwas hatte sie noch nie gemacht. Er hatte viel Zeit in die Erziehung investiert. Wenn er erwischt werden würde, bekäme er großen Ärger. Die Regeln der Gemeinde verboten es, Hunde ans Wasser zu lassen. Sie mussten auf dem Pfad an der Leine laufen. Sein Sohn wäre nicht begeistert, würde ihn wieder belehren. Er war Staatsanwalt und gab ihm immer zu verstehen, dass Gesetze dazu da waren, um eingehalten zu werden.

Er lief zu dem Fleck. Bei genauerem Hinsehen bestätigte sich seine Vermutung. Es war Blut. Er schloss seine Augen, betete, dass niemand dort war und das Geschehen beobachtete. Zornig rief er nach Lily. „Lily! Bei Fuß!“

In der Ferne hörte er sie wimmern und jaulen. Er verfolgte ihre Pfotenabdrücke, die sich tief im Schnee vergraben hatten. Neben der Spur verlief eine Reihe aus Blutstropfen. Er fand die Hündin an einem Baum. Sie hatte sich mit ihrer Leine verfangen, wimmerte panisch. Ihr schwarzes Fell schimmerte weiß vom Schneetreiben.

„Du ungezogenes Mädchen. Das geschieht dir recht.“ Lily zog die Ohren an, schaute mit großen, schwarzen, runden Augen. Vor ihr lag ein totes Eichhörnchen. Die Schnauze der Hündin war mit Blut verschmiert.

Der Mann war müde. So hatte er sich den Spaziergang nicht vorgestellt. Es war zu mühsam für ihn. Er befreite Lily, noch immer voller Wut. „Ab nach Hause.“ Lily zitterte, zog den Schwanz ein, blieb hartnäckig stehen. Noch immer winselte sie leise. „Nun komm doch. Ist jetzt gut. Ich bin nicht mehr sauer.“ Mr. Archer zog an der Leine, doch die Hundedame blieb stur. Er erinnerte sich an den Blutfleck. Bilder des Eichhörnchens huschten ihm durch den Kopf. Er runzelte die Stirn. Es passte nicht. Das Tier war nicht sonderlich blutverschmiert. Es konnte unmöglich solche Mengen an Blut verloren haben. Erschrocken schaute er zu Lily. „Du hast nicht noch ein Tier zerfetzt, oder?“ Lily wedelte mit dem Schwanz, zog ihn weiter in Richtung Osten. Bereitwillig ging er mit, verstand selbst nicht warum. Eigentlich sollte er schleunigst verschwinden, ehe jemand kam und ihn dafür verantwortlich machen konnte. Mittlerweile war es halb acht. Bald würden weitere Spaziergänger ihre Hunde dort ausführen. Doch die Neugier war größer. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass der Blutfleck nicht vom Eichhörnchen sein konnte. Normalerweise würde er nicht nachgeben, das war gegen seine Regel. Er erzog Lily mit liebevoller Konsequenz. Das klappte bisher bestens. Aus diesem Grund war er sicher, dass es einen Grund geben musste, warum die Hündin so nervös reagierte. Hinter dem Baum, an dem sich Lily verfangen hatte, verlief die Blutspur weiter. Williams Augen weiteten sich, als er bemerkte, wie lang die Spur war, die den weißen, glitzernden Schnee rot färbte. Er blieb stehen, wog ab, was er tun sollte. Er war alt. Er sollte sich jemanden zu Hilfe rufen. Doch wenn es nichts wäre, würde er sich lächerlich machen. Vielleicht hatten sich ein paar Tiere in die Haare bekommen oder eins war auf der Jagd. Sicher würde er nur ein gerissenes Reh finden. Er beschloss nachzuschauen, um seinen inneren Frieden zu finden. Dann könnte er beruhigt nach Hause laufen und in Ruhe sein Frühstück genießen.

Lily zog weiter in den Wald. An einer großen Wiese am Waldrand blieb sie stehen, jaulte, sodass man es mit der Angst bekam. Mr. Archers Hände zitterten. Nicht vor Kälte. Er schaute über die schneebedeckte Wiese. Die Spur endete am Rand. Im ersten Moment konnte er nichts Ungewöhnliches entdecken. Doch bei genauem Hinsehen erkannte er einen Hügel. Um zu erkennen, was es war, musste er näher. Er schüttelte den Kopf, verstand nicht, warum es ihn dort hinzog. Binnen Sekunden begriff er Lilys Aufregung. Unter dem Hügel breitete sich eine Blutlache aus. Er erkannte den nackten Körper eines Menschen. Mr. Archer erstarrte, blieb mit offenem Mund stehen. Ein heftiger Druck im Magen bereitete ihm Schmerzen. Zitternd nahm er seinen Mut zusammen, schaute dem Opfer ins Gesicht. Dessen Ausdruck zeigte, welche Panik der Mann kurz vor seinem Tod gehabt haben musste. Der Bauchraum lag offen, die Eingeweide hingen heraus, von einer dünnen Schneedecke bedeckt. William schluckte die aufsteigende Übelkeit hinunter. Er war pensionierter Arzt, hatte viele schreckliche Sachen gesehen. Doch dieses Bild übertraf alles. Der Körper der Leiche sah aus, als hätte jemand im Bauchraum herumgewühlt, um etwas Bestimmtes zu finden. Als ehemaliger Chirurg erkannte er, dass jemand den Oberkörper aufgeschlitzt hatte. Es war kein Tier, das den leblosen Körper zerfressen hatte. „Gott, Gnädiger, wer hat dir das angetan?“ Regungslos stand der Mann vor dem zerfetzten Körper, die Augen auf die Unmengen Blut gerichtet. Trotz der Minusgrade standen ihm Schweißperlen auf der Stirn. 

Es war acht Uhr. Er wunderte sich, wo die Leute blieben. Jetzt könnte er dringend jemanden zur Hilfe gebrauchen. Er spürte, wie sich seine Eingeweide zusammenzogen, sein altes Herz raste. Dann traf ihn ein Gedanke wie der Blitz. Was, wenn der Täter sich hier versteckte, gleich aus dem Nichts vor ihm auftauchte? Hektisch schaute er sich um. Niemand zu sehen. Keine Fußspuren im Schnee. Eine unerträgliche Stille legte sich über die verschneite, friedliche Landschaft. Nur das Winseln von Lily war zu hören. William Archer holte tief Luft, kramte sein Handy aus der Jackentasche. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er es zu greifen bekam. Er starrte es an, als wäre es etwas, das er noch nie gesehen hatte. Sein Sohn hatte es ihm vor vier Jahren geschenkt. Er erinnerte sich daran, wie unnötig er es gefunden hatte. „Was soll ich mit dem Ding?“, fragte er ihn und bekam eine Antwort, die ihn wütend gemacht hatte. „Du bist alt. Vielleicht brauchst du eines Tages einmal Hilfe. Es wäre gut, wenn du mich erreichen kannst.“ „Ich habe so etwas noch nie benötigt, Junior. Mein ganzes Leben bin ich allein klargekommen. Warum sollte ich es jetzt nicht mehr?“ Nun war er froh, es zu haben. Zitternd tippte er auf den Tasten herum. Das Handy fiel ihm aus der Hand. „Verfluchter Mist.“ Mühsam bückte er sich und hob es auf, befreite es vom Schnee und hoffte, dass es noch gehen würde. Anstatt den Notruf zu wählen, drückte er die Eins. Sein Sohn hatte dort seine Nummer gespeichert, sodass er nicht im Telefonbuch suchen musste. Es klingelte, doch 

sein Sohn nahm nicht ab.

Nach dem zweiten Versuch ging er ran. „Vater, was gibt es?“

Ich wünsche dir auch einen guten Morgen, Sohn, dachte sich William mürrisch. Er hatte das Gefühl, ungelegen anzurufen. Wäre die Situation nicht dringend, hätte er sofort aufgelegt. „Ich brauche deine Hilfe“, hauchte er ins Telefon. An der Stimme erkannte man seine Verzweiflung. Die Angst, dass doch jemand aus dem Wald springen würde, saß ihm im Nacken.

„Was ist passiert?“

Völlig zusammenhanglos warf ihm William die Worte in den Hörer. „Lily, sie war … Du musst kommen. Bring die Polizei mit. Ich, der Mann … Er ist tot, ermordet.“

„Vater, beruhige dich! Ich verstehe kein Wort. Was ist mit Lily? Wo steckst du?“

„Seine Eingeweide hängen raus. Ich kann nichts mehr für ihn tun.“ Nun begann der Rentner zu weinen. Er schnappte gierig nach Luft, glaubte zu ersticken.

„Vater, was um Himmels willen redest du da? Ich verstehe nicht, was du willst!“ Sein Sohn klang wütend.

William versuchte, sich zu beruhigen. Er starrte auf die Leiche, wiederholte, was er auf der Runde mit Lily entdeckt hatte. Am anderen Ende blieb es still.

„Junior, hast du gehört? Hier liegt eine Leiche und irgendein verdammter Mistkerl hat ihn aufgeschnitten, als hätte er etwas in ihm gesucht. Ich stehe hier am Waldrand und könnte jetzt einmal deine Hilfe gebrauchen.“

„Hast du irgendetwas angefasst?“

Da war er, der Herr Staatsanwalt. Nur darauf bedacht, dass sein Name nicht in den Schmutz gezogen wurde. „Schick lieber mal die Polizei zu mir!“ William legte auf. Ihn übermannte eine starke Müdigkeit. Musste das auf seine letzten Lebenstage passieren? Er kraulte Lily den Nacken, schaute ein letztes Mal auf den Leichnam. Dann wandte er sich ab, um auf den Pfad zu gehen, als er an der Schulter des Opfers einen gelben Zettel leuchten sah. Er war mit einer Pinnwandnadel angeheftet. William war versucht, das Stück Papier abzureißen. Er erinnerte sich an die Worte seines Sohnes. Er durfte nichts anfassen, um keine Fingerabdrücke von sich zu hinterlassen. Sein Sohn sagte es ihm zwar, weil er nicht verdächtigt werden sollte, aber William schmunzelte. Wie sollte ein alter Mann so ein Muskelpaket schon kleinkriegen? Und obwohl er Handschuhe trug, ließ er den Zettel an Ort und Stelle, um keine brauchbaren Spuren zu verwischen. Das kannte er aus den Krimiserien. Er beugte sich nach vorn und las die Buchstaben, die mit einem Computer getippt waren.

Gott hat nicht vergeben. Er hat seine Missetaten geleugnet!


Leseprobe "Teufelseltern"

 

21 Oktober 2013

 

 Das Herz schlug ihr bis zum Hals. In ihrem stockfinsteren Zimmer saß sie auf einem abgenutzten Holzbett und rührte sich nicht von der Stelle. Starr vor Schock hielt Emilia Dearing die Luft an, lauschte den angsterfüllten Hilferufen ihrer Geschwister. Das Geschrei drang bis in ihr Kinderzimmer, obgleich es am Ende des Flures lag. Es hallte durch die Dunkelheit. Ihr Körper bebte vor Angst und  Mitgefühl. Verzweiflung machte sich breit. Sie flehte zu Gott:

 

 „Hilfe! Lass es aufhören!“      

 

Sie wusste, was die Rufe der Geschwister bedeuteten. Sie wusste, was im Anschluss passieren würde. Es war Montag, der Beginn einer grausamen Woche. Fünf furchtbar lange Tage müssen sie die Brutalität ihrer Eltern ertragen. Am Wochenende war ihr Vater nicht daheim. Von Samstag bis Montag verbrachte er seine Zeit in Kneipen, um sich sinnlos zu betrinken. In diesen Tagen hatten sich Emilia und ihre Geschwister in ihren Zimmern aufgehalten. Doch ihre Mutter zeigte sich dort nicht. Sie hatte mit ihren zahlreichen Flaschen Bier im Wohnzimmer gesessen und den Zorn auf ihren Mann in Alkohol ertrunken. Sie hasste seine Sauftouren, reagierte aggressiv vor Eifersucht und hatte ihm Untreue vorgeworfen. Emilia hatte in dieser Zeit ihre beiden Geschwister versorgen müssen. Das Essen hatte sie aus der Küche geklaut. Das Obergeschoss- in dem sich das Wohnzimmer befand- zu betreten, war strengstens verboten. Doch wenn der Vater nicht daheim war, interessierte ihre Mutter nicht, was um sie herum geschah. Viel gab es nicht zu essen. Oftmals hatte es schimmeliges Brot mit Butter gegeben. Warme Mahlzeiten waren selten. Ihre Mutter kochte fast nie. Wenn sie Essen für ihren Mann zubereitet hatte, bekamen die Kinder bestenfalls die Reste, die bei Weitem nicht für alle drei ausreichten.

 

 Emilia hatte nur eine Bezeichnung für ihren Vater: Monster! Wenn das Monster unter der Woche daheim war, traute sie sich nicht, in die Küche zu schleichen. Sie mussten warten, bis ihnen die Mutter etwas brachte. Das konnte Tage dauern. Das betrunkene Ungeheuer kam montags nach Hause, wenn die Dämmerung einsetzte. Es polterte schwankend in die Zimmer der Kinder und riss sie aus dem Schlaf. Er erwartete Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass er sich jeden Tag abrackerte, um Geld für die Familie zu verdienen. Er war in einer Reinigungsfirma tätig und säuberte Toiletten. Wenn er von der Arbeit heimgekommen war, hätte man meinen können, dass er IN die Toiletten gestiegen war, um sie zu reinigen. Dreckverschmiert und nach Fäkalien stinkend, war er auch diesmal heimgekommen. Emilia würgte, als sie an den Geruch dachte.

 

 Sie versteckte sich unter der Bettdecke, versuchte die Schreie der Geschwister auszublenden. Es zerriss ihr das Herz. Sie mochte sich nicht vorstellen, welche Qualen sie durchmachten. Sie wusste, sobald er in dem Zimmer der beiden fertig wäre, würde er zu ihr kommen.

 

 „Du kannst ein wenig zärtlich zu deinem Vater sein, Emilia! Du hast nur deswegen ein Dach über dem Kopf, weil ich Tag für Tag zehn Stunden schufte. Während ihr nur herumlungert und deine versoffene Mutter nichts zustande bekommt. Euch geht es zu gut.“

 

 Es ist ein Albtraum, dachte Emilia.

 

 Jeden Tag sperrte man sie in ihren dunklen Zimmern ein. Jeden Tag spürten sie die Härte der Eltern auf ihren geschundenen Körpern. Die Mädchen gingen vormittags zur Schule und entkamen der Hölle für fünf Stunden. In dieser Zeit musste der Jüngste die Folter allein ertragen.

 

Gelähmt vor Panik lag sie mit aufgerissenen Augen im Bett und lauschte in die Nacht. Sie hörte die schmerzerfüllten Schreie der Geschwister. Tränen der Wut schossen ihr in die Augen. Sie schloss die Augen, wünschte, ihnen helfen zu können. Doch ihr fiel nichts ein, was sie tun konnte. Machtlos ertrug sie gleichermaßen die Brutalität des Vaters.

 

 Sie vernahm, dass die Bestie etwas gegen die Wände warf. Es krachte. In der Stille der Nacht hallte es doppelt so laut. Sie hörte das Klirren des Kleiderschrankspiegels, der in Einzelteilen zu Boden fiel.

 

 „Ihr verdammten Gören, ich ertrage euch nicht mehr!“

 

 Emilia strich über ihre Kehle. Sie bekam kaum Luft. Das Zittern brach nicht ab. Warum half niemand? Die Glieder waren starr, Angst stieg in ihr hoch. Angst davor, Geräusche zu machen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Muskeln in den Armen zuckten, als sie ihre Hände an die Ohren presste. Ein verzweifelter Versuch, die Schreie nicht zu hören. Sie kniff die Augen zusammen, versuchte, sich in eine bessere Welt zu zaubern. Sie wünschte die Qualen der beiden ausblenden zu können. Doch sie überhörte nichts. Nicht die Hilfeschreie. Nicht die wütenden Schimpfwörter des Vaters.

 

 „Ihr drei seid die Brut des Teufels. Ich zeige euch, wie man sich mir gegenüber benimmt!“

 

 Emilia war dreizehn. Seit sie denken konnte, erinnerte sie sich an die wiederkehrenden Ausbrüche des Erzeugers. Es begann mit Wutanfällen, bei denen er im harschen Tonfall herumbrüllte. Später folgten körperliche Strafen. Er schlug sie mit jedem Gegenstand, der griffbereit lag. Er achtete nicht darauf, wohin er prügelte. Es interessierte ihn nicht, ob er das Gesicht traf und ob jemand die Wunden hätte sehen können. In der Schule wurde sie zwar auf ihre Verletzungen angesprochen, doch jeder von ihnen hatte sich damit zufrieden gegeben, wenn sie zum wiederholten Male erzählte, wie tollpatschig sie sei. Ihre Eltern lehrten ihr Ausreden. Die Treppe runter gefallen. Mit dem Fahrrad gestürzt. Sie hoffte, dass ein Lehrer die Märchen, die sie auftischte, nicht glaubte und Hilfe schicken würde. Sie wartete bis heute, vergebens.

 

 Als ihre Schwester zur Welt kam, war sie fünf Jahre alt. Sie freute sich über das Geschwisterchen. Wünschte sich immer eines zum Spielen und Umsorgen. Ihr Vater reagierte alles andere als begeistert.

 

 „Wie viele Bälger willst du mir andrehen?“, schimpfte er mit seiner Frau.

 

 Weitere fünf Jahre später kam der Bruder zur Welt. Sie liebte ihn. Doch die Freude hielt sich in Grenzen. Sie wusste, dass er genauso Opfer der Gewalt ihrer Eltern sein wird. Als Babys verschonte der Vater sie noch. Sobald sie die ersten Schritte liefen, fing das Martyrium an. Ihre Mutter bekam alles mit, unternahm aber nichts, damit es aufhörte. Oft lachte sie darüber.

 

 „Du trägst die Schuld daran“, hatte sie gespottet, als Emilia mit aufgeplatzten, blutigen Lippen, unzähligen blauen Flecken und Bisswunden in ihrem Zimmer gehockt hatte und weinte. Vor Schmerz, vor Angst, vor Wut. Ihre Mutter verprügelte die drei, wenn sie wütend auf ihren Ehemann war, um ihren Frust abzulassen. Emilia verstand bis heute nicht, warum die Frau sie für die Qualen verantwortlich machte.

 

 Mit zwölf Jahren belauschte das Mädchen ihre Eltern bei einem Gespräch. Sie standen in der Küche, ihr Vater brüllte ihre Mutter lallend an, dass er mehr Anerkennung verdiene. Sie gab ihm zur Antwort, dass er sie anwidere. Und sie ihn und den ekelerregenden fetten Bauch nicht einmal mit einer Kneifzange anfassen würde.

 

 „Und wenn du der letzte Mann auf Erden wärst, würde ich dich nicht anrühren.“

 

 Ihr Tonfall klang frostig und scharf. Sie grinste und in ihren Augen funkelte das Böse.

 

 „Ich hole mir meine Befriedigung woanders, du alte Hexe.“

 

 Mit ausgestreckter Brust stolzierte er aus der Küche und ließ sie mit aufgerissenem Mund stehen. Emilia versteckte sich hinter der Tür, bis er das Haus verlassen hatte, und schlich zurück in ihr Zimmer. Wenn er sie erwischt hätte, hätte er sie totgeschlagen. Es interessierte sie inzwischen nicht mehr. Angst vor dem Tod quälte sie nicht. Mit ihren dreizehn Jahren hatte sie mit dem Leben abgeschlossen. Es würde der Tag kommen, an dem die Eltern sie totprügeln. Davon war sie überzeugt.

 

 Die Kinderzimmer befanden sich in den Kellerräumen. Sie wirkten klein, sahen eher aus wie ein Verlies. In jedem Raum standen ein Bett und ein Kleiderschrank. Emilia bewohnte das kleinere Zimmer. Im vorderen Teil des Flures lag ein größeres, das sich ihre Geschwister teilten. Als Emilia nach dem belauschten Gespräch herunterkam, wurde ihr von einem modrigen Geruch übel. Sie schaute in das Zimmer ihrer Geschwister und vergewisserte sich, dass es den beiden gut ging. In ihrem Zimmer setzte sie sich auf ihr Bett und grübelte über die Worte des Vaters: „Dann hole ich mir meine Befriedigung woanders.“ In jener Nacht erfuhr sie, was sie bedeuteten.

 Es regnete den ganzen Tag, nachts tobte ein heftiger Sturm. Der Wind peitschte, heulte durch ihr undichtes Fenster. Durch den Luftzug knallte die Tür gegen den Türrahmen. Sie hörte die Äste an den Bäumen knacksen. Sie fürchtete sich und wünschte sich jemanden, der sie in die Arme schloss und ihr das Gefühl gab, sie zu beschützen. In diesem Augenblick öffnete sich die Zimmertür und ihr Vater trat ein. Für einen kurzen Moment wuchs ihre Hoffnung. Sie hoffte, dass er kam, um ihr die Angst zu nehmen. Die Realität sah anders aus. Er zerrte sich die Kleider vom Leib und legte sich zu ihr ins Bett.

 

 „Sei nett zu mir!“

 

 Die Worte drangen nur gedämpft zu ihr durch. Sie zitterte, ihr Mund war trocken. Ihr Herz fühlte sich an, als würde es stehenbleiben. Er begann, sie am Gesäß zu streicheln. Durch den Aufklärungsunterricht in der Schule wusste sie, was er tat. Hastig drehte sie sich auf den Bauch, damit er nicht an ihre Brüste kam. Energisch packte er sie, flüsterte, dass er sich holen würde, was er verdiente. Sie spürte den nach Alkohol stinkenden und heißen Atem in ihrem Nacken. Ihre Haare standen zu Berge. Ekel kroch in ihr hoch. Mit festem Griff wandte er Emilia zurück auf den Rücken. Mit der linken Hand hielt er ihren Hals und drang in sie ein. Die Schmerzen waren unerträglich. Übelkeit übermannte sie. Mit aller Kraft versuchte sie sich aus dem Griff um ihre Kehle zu befreien. Keine Chance. Blanker Hass sprühte aus ihren Augen. Sie hatte das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren, so raubte es ihr die Luft. Mit jeder Minute schnürte sich der Handgriff enger um ihre Kehle, als zöge sich eine Schlinge zu. Nachdem er von ihr abließ, zog er sich an und schlenderte wortlos aus dem Zimmer. Dabei grinste er teuflisch, sodass ihr ein eiskalter Schauer den Rücken hinunterlief. Stundenlang lag sie wie gelähmt auf dem Bett und weinte vor Schmerz, Ekel,  Scham. Zwischen ihren Beinen brannte es. Und zum ersten Mal in ihrem Leben wünschte sie sich den Tod.

 

 Seit diesem Tag passierte es regelmäßig. Nachdem er seine Wut an ihren Geschwistern ausgelassen hatte, kam er zu ihr, um seine Belohnung zu erhalten. Mit der Zeit stumpfte sie ab, ließ es über sich ergehen. Sie tauchte in eine bessere Welt ab. Trotzdem begleitete sie jeden Tag die Angst, weil es wieder passieren würde. Sie betete zu Gott, dass er es ihren Geschwistern nicht auch antat. Den Gedanken ertrug sie nicht.

 

 Hilflos lag sie in ihrem dunklen Zimmer, wartete darauf, dass er zu ihr kommen würde. Sie weinte.