Missetaten


„Ich muss ihn wecken. Bitte, mach, dass er aufwacht.“

Alex hielt sie fest, umklammerte sie. Krampfhaft versuchte sie, sich zu wehren, sich zu befreien. Der kleine leblose  Körper auf dem kalten Boden rührte sich nicht.

„Liam, wach auf! Du musst aufwachen. Mama ist hier.“ Um ihr Herz krallte sich eine imaginäre Hand, als quetsche ihr jemand das letzte bisschen Leben heraus. „Alex, bitte, lass mich zu ihm. Er braucht mich. Er mag es nicht, allein zu sein.“

Als der Leichenbestatter der Gerichtsmedizin ein weißes Tuch über den leblosen Körper legte, stockte Natalie der Atem. Die verwesende Leiche ihres Sohnes. Eineinhalb Jahre alt. Ihr geliebter Sohn, ermordet, abgelegt hinter einem Gebüsch nahe dem Spielplatz, auf dem er vor zwei Wochen mit seinem Vater gespielt hatte. Sein Vater, der eine kleine verdammte Minute nicht aufpasste. Diese eine Minute, in der jemand ihren Sohn entführte. Jacob Bennett kam kreidebleich auf Natalie zugelaufen. Ihre Gesichtsfarbe wich einem unnatürlichen Weiß. Man konnte schon fast von Grau sprechen. Der Ehemann setzte sich neben sie, betrachtete den kleinen Hügel, der sich unter dem weißen Tuch abzeichnete.

„Sie haben ihn getötet. Sie haben unseren kleinen Liam einfach ermordet.“ Natalie sprach wie in Trance.  Die rotgeränderten Augen starrten ins Leere. Jacob erwiderte nichts, legte seinen Arm um ihre Schultern.

 

 

Mama, Mama, Mama - wie ein lieblicher Sang klangen die Rufe aus Liams Zimmer. Mama, kommen. Natalie öffnete die Augen. Draußen war es noch dunkel. Sie schaute auf den Wecker. Es war mitten in der Nacht. Nass geschwitzt lauschte sie in die Dunkelheit. Das Haar hing strähnig nach unten. Ihr Herz tobte. Es schlug so kräftig, dass sie es in ihren Ohren hören konnte. Hatte sie gerade Liam rufen hören? Sie schmiss die Bettdecke zur Seite. Schweißgeruch stieg ihr in die Nase. Sie schlüpfte in ihre Hausschlappen und rannte zu Liam ins Zimmer. Atemlos blieb sie vor seinem Bett stehen. Leer. Das Bettzeug war unberührt. Tränen liefen ihr die Wangen hinab, als ihr schmerzlich bewusst wurde, dass sich an der Situation nichts verändert hatte. Liam war seit zwei Jahren tot. Noch immer hörte sie ihn mit sich reden. Noch immer hatte sie die Hoffnung, aus dem bösen Traum zu erwachen.

 

 

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15. Dezember 2016

Lily verhielt sich heute eigenartig. Sie wirkte nervös, wedelte mit dem Schwanz, zog an der Leine. Je näher sie an den See kamen, desto ungehaltener wurde sie. Sie bellte, schnüffelte hektisch am Boden, als verfolge sie eine Spur. Der Mann hatte Mühe, sie zu halten. „Mädchen, was hast du? Hör auf zu ziehen! Ich falle sonst noch hin. Und bis man mich findet, bin ich ein Eisklotz.“ William Archer liebte normalerweise die Spaziergänge mit seiner alten Hundedame. Sie war eine Berner-Sennen-Hündin, eine gutmütige, anhängliche Seele mit einem ausgeglichenen Temperament. Vor zwölf Jahren starb seine Ehefrau. Nachdem er ihren Tod verarbeitet hatte, holte er sich die Hündin aus dem Tierheim. Er lebte nahe dem Mecham Grove Forest. Ein großes Gebiet in Bloomingdale, das bei den Einwohnern und Touristen beliebt war. Um den Maple Lake grenzten Wald und Wiesen. Jeden Tag liefen sie ein Stück an dem See entlang. Morgens, wenn noch keine Menschenseele unterwegs war. An einem verschneiten, frostigen Morgen wie diesem war es dort menschenleer. Seit zehn Jahren begleitete Lily ihn. Sie war gut erzogen und besaß keinen Jagdtrieb. Die Wildtiere in dem Gebiet waren eigentlich sicher vor ihr. Doch Lily ließ sich nicht beruhigen. Sie zog stärker in Richtung Osten, bellte und winselte. Eigentlich wollte William nach Westen über die Fußgängerbrücke laufen. Er vermutete, dass sie dringend ihr Geschäft erledigen musste. Vielleicht bekam ihr das Hühnchen vom Vorabend nicht. Nun suchte sie vermutlich nach einem geeigneten Plätzchen. Lily begann, sich im Kreis zu drehen. Mr. Archer wurde nervös. Irgendetwas stimmte nicht. Um mit dem Hund mithalten zu können, lief er schneller, rutschte auf einer Eisschicht aus und fiel zu Boden. Er ließ die Hundeleine los, damit Lily ihn nicht mitziehen konnte.

Die Hündin hastete los. „Lily! Bleib stehen!“ Sie hörte nicht, war wie im Rausch, rannte fort. Mr. Archer hievte sich hoch und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht sein Gesäß. Wiederholt rief er nach der Hündin, konnte sie aber nirgendwo sehen. Schleppend setzte er sich in Bewegung, um ihr hinterherzulaufen. Anhand ihres Gekläffes wusste er, in welche Richtung sie gerannt war. Mühsam humpelte er Richtung Osten. Diesmal achtete er genau auf den Weg, um nicht noch einmal hinzufallen. Sein Herz fing an zu rasen. Neben den Fußspuren seines Hundes erkannte Mr. Archer einen roten Fleck im Schnee. O Gott! Sie hat ein Tier gerissen! Mittlerweile schwitzte er. Das Stapfen durch den Schnee war anstrengend. Er öffnete den schwarzen Mantel, schüttelte den Kopf. So etwas hatte sie noch nie gemacht. Er hatte viel Zeit in die Erziehung investiert. Wenn er erwischt werden würde, bekäme er großen Ärger. Die Regeln der Gemeinde verboten es, Hunde ans Wasser zu lassen. Sie mussten auf dem Pfad an der Leine laufen. Sein Sohn wäre nicht begeistert, würde ihn wieder belehren. Er war Staatsanwalt und gab ihm immer zu verstehen, dass Gesetze dazu da waren, um eingehalten zu werden.

Er lief zu dem Fleck. Bei genauerem Hinsehen bestätigte sich seine Vermutung. Es war Blut. Er schloss seine Augen, betete, dass niemand dort war und das Geschehen beobachtete. Zornig rief er nach Lily. „Lily! Bei Fuß!“

In der Ferne hörte er sie wimmern und jaulen. Er verfolgte ihre Pfotenabdrücke, die sich tief im Schnee vergraben hatten. Neben der Spur verlief eine Reihe aus Blutstropfen. Er fand die Hündin an einem Baum. Sie hatte sich mit ihrer Leine verfangen, wimmerte panisch. Ihr schwarzes Fell schimmerte weiß vom Schneetreiben.

„Du ungezogenes Mädchen. Das geschieht dir recht.“ Lily zog die Ohren an, schaute mit großen, schwarzen, runden Augen. Vor ihr lag ein totes Eichhörnchen. Die Schnauze der Hündin war mit Blut verschmiert.

Der Mann war müde. So hatte er sich den Spaziergang nicht vorgestellt. Es war zu mühsam für ihn. Er befreite Lily, noch immer voller Wut. „Ab nach Hause.“ Lily zitterte, zog den Schwanz ein, blieb hartnäckig stehen. Noch immer winselte sie leise. „Nun komm doch. Ist jetzt gut. Ich bin nicht mehr sauer.“ Mr. Archer zog an der Leine, doch die Hundedame blieb stur. Er erinnerte sich an den Blutfleck. Bilder des Eichhörnchens huschten ihm durch den Kopf. Er runzelte die Stirn. Es passte nicht. Das Tier war nicht sonderlich blutverschmiert. Es konnte unmöglich solche Mengen an Blut verloren haben. Erschrocken schaute er zu Lily. „Du hast nicht noch ein Tier zerfetzt, oder?“ Lily wedelte mit dem Schwanz, zog ihn weiter in Richtung Osten. Bereitwillig ging er mit, verstand selbst nicht warum. Eigentlich sollte er schleunigst verschwinden, ehe jemand kam und ihn dafür verantwortlich machen konnte. Mittlerweile war es halb acht. Bald würden weitere Spaziergänger ihre Hunde dort ausführen. Doch die Neugier war größer. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass der Blutfleck nicht vom Eichhörnchen sein konnte. Normalerweise würde er nicht nachgeben, das war gegen seine Regel. Er erzog Lily mit liebevoller Konsequenz. Das klappte bisher bestens. Aus diesem Grund war er sicher, dass es einen Grund geben musste, warum die Hündin so nervös reagierte. Hinter dem Baum, an dem sich Lily verfangen hatte, verlief die Blutspur weiter. Williams Augen weiteten sich, als er bemerkte, wie lang die Spur war, die den weißen, glitzernden Schnee rot färbte. Er blieb stehen, wog ab, was er tun sollte. Er war alt. Er sollte sich jemanden zu Hilfe rufen. Doch wenn es nichts wäre, würde er sich lächerlich machen. Vielleicht hatten sich ein paar Tiere in die Haare bekommen oder eins war auf der Jagd. Sicher würde er nur ein gerissenes Reh finden. Er beschloss nachzuschauen, um seinen inneren Frieden zu finden. Dann könnte er beruhigt nach Hause laufen und in Ruhe sein Frühstück genießen.

Lily zog weiter in den Wald. An einer großen Wiese am Waldrand blieb sie stehen, jaulte, sodass man es mit der Angst bekam. Mr. Archers Hände zitterten. Nicht vor Kälte. Er schaute über die schneebedeckte Wiese. Die Spur endete am Rand. Im ersten Moment konnte er nichts Ungewöhnliches entdecken. Doch bei genauem Hinsehen erkannte er einen Hügel. Um zu erkennen, was es war, musste er näher. Er schüttelte den Kopf, verstand nicht, warum es ihn dort hinzog. Binnen Sekunden begriff er Lilys Aufregung. Unter dem Hügel breitete sich eine Blutlache aus. Er erkannte den nackten Körper eines Menschen. Mr. Archer erstarrte, blieb mit offenem Mund stehen. Ein heftiger Druck im Magen bereitete ihm Schmerzen. Zitternd nahm er seinen Mut zusammen, schaute dem Opfer ins Gesicht. Dessen Ausdruck zeigte, welche Panik der Mann kurz vor seinem Tod gehabt haben musste. Der Bauchraum lag offen, die Eingeweide hingen heraus, von einer dünnen Schneedecke bedeckt. William schluckte die aufsteigende Übelkeit hinunter. Er war pensionierter Arzt, hatte viele schreckliche Sachen gesehen. Doch dieses Bild übertraf alles. Der Körper der Leiche sah aus, als hätte jemand im Bauchraum herumgewühlt, um etwas Bestimmtes zu finden. Als ehemaliger Chirurg erkannte er, dass jemand den Oberkörper aufgeschlitzt hatte. Es war kein Tier, das den leblosen Körper zerfressen hatte. „Gott, Gnädiger, wer hat dir das angetan?“ Regungslos stand der Mann vor dem zerfetzten Körper, die Augen auf die Unmengen Blut gerichtet. Trotz der Minusgrade standen ihm Schweißperlen auf der Stirn. 

Es war acht Uhr. Er wunderte sich, wo die Leute blieben. Jetzt könnte er dringend jemanden zur Hilfe gebrauchen. Er spürte, wie sich seine Eingeweide zusammenzogen, sein altes Herz raste. Dann traf ihn ein Gedanke wie der Blitz. Was, wenn der Täter sich hier versteckte, gleich aus dem Nichts vor ihm auftauchte? Hektisch schaute er sich um. Niemand zu sehen. Keine Fußspuren im Schnee. Eine unerträgliche Stille legte sich über die verschneite, friedliche Landschaft. Nur das Winseln von Lily war zu hören. William Archer holte tief Luft, kramte sein Handy aus der Jackentasche. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er es zu greifen bekam. Er starrte es an, als wäre es etwas, das er noch nie gesehen hatte. Sein Sohn hatte es ihm vor vier Jahren geschenkt. Er erinnerte sich daran, wie unnötig er es gefunden hatte. „Was soll ich mit dem Ding?“, fragte er ihn und bekam eine Antwort, die ihn wütend gemacht hatte. „Du bist alt. Vielleicht brauchst du eines Tages einmal Hilfe. Es wäre gut, wenn du mich erreichen kannst.“ „Ich habe so etwas noch nie benötigt, Junior. Mein ganzes Leben bin ich allein klargekommen. Warum sollte ich es jetzt nicht mehr?“ Nun war er froh, es zu haben. Zitternd tippte er auf den Tasten herum. Das Handy fiel ihm aus der Hand. „Verfluchter Mist.“ Mühsam bückte er sich und hob es auf, befreite es vom Schnee und hoffte, dass es noch gehen würde. Anstatt den Notruf zu wählen, drückte er die Eins. Sein Sohn hatte dort seine Nummer gespeichert, sodass er nicht im Telefonbuch suchen musste. Es klingelte, doch 

sein Sohn nahm nicht ab.

Nach dem zweiten Versuch ging er ran. „Vater, was gibt es?“

Ich wünsche dir auch einen guten Morgen, Sohn, dachte sich William mürrisch. Er hatte das Gefühl, ungelegen anzurufen. Wäre die Situation nicht dringend, hätte er sofort aufgelegt. „Ich brauche deine Hilfe“, hauchte er ins Telefon. An der Stimme erkannte man seine Verzweiflung. Die Angst, dass doch jemand aus dem Wald springen würde, saß ihm im Nacken.

„Was ist passiert?“

Völlig zusammenhanglos warf ihm William die Worte in den Hörer. „Lily, sie war … Du musst kommen. Bring die Polizei mit. Ich, der Mann … Er ist tot, ermordet.“

„Vater, beruhige dich! Ich verstehe kein Wort. Was ist mit Lily? Wo steckst du?“

„Seine Eingeweide hängen raus. Ich kann nichts mehr für ihn tun.“ Nun begann der Rentner zu weinen. Er schnappte gierig nach Luft, glaubte zu ersticken.

„Vater, was um Himmels willen redest du da? Ich verstehe nicht, was du willst!“ Sein Sohn klang wütend.

William versuchte, sich zu beruhigen. Er starrte auf die Leiche, wiederholte, was er auf der Runde mit Lily entdeckt hatte. Am anderen Ende blieb es still.

„Junior, hast du gehört? Hier liegt eine Leiche und irgendein verdammter Mistkerl hat ihn aufgeschnitten, als hätte er etwas in ihm gesucht. Ich stehe hier am Waldrand und könnte jetzt einmal deine Hilfe gebrauchen.“

„Hast du irgendetwas angefasst?“

Da war er, der Herr Staatsanwalt. Nur darauf bedacht, dass sein Name nicht in den Schmutz gezogen wurde. „Schick lieber mal die Polizei zu mir!“ William legte auf. Ihn übermannte eine starke Müdigkeit. Musste das auf seine letzten Lebenstage passieren? Er kraulte Lily den Nacken, schaute ein letztes Mal auf den Leichnam. Dann wandte er sich ab, um auf den Pfad zu gehen, als er an der Schulter des Opfers einen gelben Zettel leuchten sah. Er war mit einer Pinnwandnadel angeheftet. William war versucht, das Stück Papier abzureißen. Er erinnerte sich an die Worte seines Sohnes. Er durfte nichts anfassen, um keine Fingerabdrücke von sich zu hinterlassen. Sein Sohn sagte es ihm zwar, weil er nicht verdächtigt werden sollte, aber William schmunzelte. Wie sollte ein alter Mann so ein Muskelpaket schon kleinkriegen? Und obwohl er Handschuhe trug, ließ er den Zettel an Ort und Stelle, um keine brauchbaren Spuren zu verwischen. Das kannte er aus den Krimiserien. Er beugte sich nach vorn und las die Buchstaben, die mit einem Computer getippt waren.

Gott hat nicht vergeben. Er hat seine Missetaten geleugnet!